REVIEWS von KAY HOFFMAN
Zum Tod von Roberto
Calasso
 * 30. 5. 1941 † 28. 7. 2021 


Roberto Calasso war ein italienischer Essayist und kulturphilosophischer
Schriftsteller, dessen wichtigste Werke in viele europäische Sprachen übersetzt wurden. Er war ab 1971 der junge Leiter des Verlages Adelphi Edizioni in Mailand; als eines der ersten Projekte wurde die italienische Version der von Giorgio Colli und Mazzino Montinari erarbeiteten kritischen Edition der Werke Friedrich Nietzsches in Angriff genommen. Für seine Verdienste um das Werk Nietzsches in Italien wurde Calasso 1998 der Premio Nietzsche verliehen.

Vergangenen Mittwoch ist Roberto Calasso, zwei Monate nach seinem achtzigsten Geburtstag, in Mailand gestorben. Unweit von Ezra Pound, Igor Strawinsky und Joseph Brodsky ruht er künftig: Seine Asche wird auf der venezianischen Friedhofsinsel San Michele beigesetzt werden. Als mich diese Nachricht erreichte, dachte ich: Da ist eine Ära zu Ende gegangen, und ich trauerte ihr nach.

Ich verdanke Calasso viel. Ich will nicht sagen: Alles. Aber fast. Es war sein Stil, in Details das große Ganze abzubilden. Ich folgte ihm auf eine Schnitzeljagd, die eben in diesen Details ausgelegt war und das große Ganze nie aussprach und festhielt, sondern immer nur andeutete und offenhielt. Diese Offenheit, gepaart mit einer geradezu obsessiven Gründlichkeit, faszinierte mich.

Calasso war ein großer Erzähler – nicht nur indem er Großes erzählte, sondern wie er es erzählte: er verband das Große mit dem Kleinen bis hin zum Kleinsten. Jedes Detail zählt in diesem Puzzlewerk. Jedes Mal, wenn ich ein neues Buch von ihm aufschlug, war mir bewusst, dass mein Beitrag darin bestehen würde, das Buch nicht nur zu lesen, sondern zu verstehen, und nicht nur zu verstehen, sondern im Geiste zu eben jenem Großen zusammenzufügen, das sich in jedem Detail verbarg. 

Sein Buch Die Glut (2015) schlägt einen weiten Bogen: Vor mehr als 3000 Jahren entwickelte sich in Indien eine so rätselhafte wie faszinierende Kultur. Sie hinterließ keine Kunstwerke und keine Ruinen, wir kennen nur ihren geistigen Kosmos. Die Schriften der Veden kreisen in Hymnen, Mythen und Anweisungen für komplizierte Rituale um die einfache und geheimnisvolle Tatsache, dass wir ein Bewusstsein haben. Dieses Bewusstsein verbindet sich für die vedischen Seher mit einer "Glut", die im Geist und in der Welt wirkt. So entstehen die Götter – und am Ende auch die Menschen. Roberto Calasso führt durch die Labyrinthe der vedischen Welt – und wenn wir sie wieder verlassen haben, sehen wir unsere heutige säkulare Welt mit neuen Augen. (Klappentext)
Calasso schreibt darüber, wie in den Veden der Opferkult bestimmend war: Damit von etwas Religiösem die Rede sein kann, muss irgendeine Beziehung zum Unsichtbaren hergestellt werden. Man muss bereit sein, Mächte anzuerkennen, die jenseits und außerhalb der sozialen Ordnung liegen. Und die soziale Ordnung muss selbst bestrebt sein, irgendeine Beziehung zum Unsichtbaren herzustellen.



In seinem Buch Das unnennbare Heute (2019) ist es das erste Kapitel, das gesellschaftskritische Motive das an das letzte Kapitel über den Opferkult aufnimmt und zuspitzt. Es steht unter dem Titel: Touristen und Terroristen. Zugegeben: Der Zusammenhang ergibt sich erst langsam, nach und nach, manchmal mutet das Lesen wie eine Schnitzeljagd an, man liest sich von einer Quellenangabe zur anderen. Calasso hat einen ganz eigenen Stil entwickelt, essayistisch leicht sein ungeheures, geradezu enzyklopädisches Wissen, mit Hinweisen auf den Ursprung der Zitate in den zahlreichen Fußnoten versehen, in ein lockeres Textgewebe einzubinden. Es sind Bücher, die man nicht in einem durchlesen kann. Ich habe mir angewöhnt, solche Bücher gleich einem Orakel irgendwo aufzuschlagen und mich vom Reiz geschliffener Formulierungen anziehen zu lassen.

Also: Das „Heute“ ist eine Zeit, die den homo saecularis hervorgebracht und damit seinen leidenschaftlichen Gegner, den religiösen Fundamentalisten, der zum Terroristen wird, allen voran den Islamisten, auf die Weltbühne gerufen hat. So erklärt sich der Titel „Touristen und Terroristen“. Das Heute als Danach (nach den Zeiten ungebrochener Religiosität und religiös gerechtfertigter Autorität) bezieht sich auf die Problematik, die sich durch die Säkularisierung des Westens und einen materialistischen Konsumismus (Tourismus) ergibt und den Alltag bestimmt.

Ausdruck für das „Heute“ ist eine typische Inkonsistenz: In keinem seiner einzelnen Teile zu greifen, ist es das Gegenteil der Welt, die Hegel in die Klammer des Begriffs nehmen wollte. Calasso zitiert Malebranche: Es gibt nichts Formloseres als die Substanz der Geister, wenn man sie von Gott trennt.

Das präziseste und akuteste Gefühl für einen Zeitgenossen ist, dass er nicht weiß, wohin er jeden Tag den Fuß setzt. Das Terrain bröckelt, die Linien verdoppeln sich, die Gewebe zerfransen, die Perspektiven schwanken. Dann spürt man noch deutlicher, dass man sich im „unnennbaren Heute“ befindet. Hinein drängt sich die Thematik des Opferkults und der damit verbundenen Riten, was wiederum in Verbindung gebracht wird mit dem islamischen Terrorismus, denn Grundlage des Terrors ist die Idee, dass nur der Tötung eine sichere Bedeutung zugesprochen werden kann. Wie das? Die Idee der Tötung, durch die eine sichere Bedeutung erzielt wird, hängt mit der Opferpraktik zusammen: Wie jede Opferpraktik beruht der islamische Terrorismus auf der „Bedeutung“. Und diese Bedeutung ist verknüpft mit anderen Bedeutungen, die alle auf dasselbe Motiv hinauslaufen: den Hass auf die säkularisierte Gesellschaft. So hat der Terrorismus die Aufgabe übernommen, durch vereinzelte, ubiquitäre, chronische, immer zufälligere Tötungen das Opferfeuer zu erhalten.

Das „Heute“ als Zustand ist das Ergebnis der Säkularisierung, eines fortwährenden Verweltlichungsprozesses, in dem Religion von Ersatzreligionen abgelöst wird und die Zivilisation, nach Abschaffung jeglicher Art der Transzendenz, an der Immanenz des Weltlichen zu ersticken droht. Die säkulare Gesellschaft ist, ohne es proklamieren zu müssen, zum letzten Bezugsrahmen für jede Bedeutung geworden, fast als ob ihre Form der Physiologie einer jeden Gemeinschaft entspräche und Bedeutung nur innerhalb der Gesellschaft selbst zu finden wäre. (S.23)

Die gesellschaftlichen Konflikte haben nicht länger etwas zum Gegenstand, was sich außerhalb und oberhalb befindet, sondern die Gesellschaft selbst, die vor allem eine ausgedehnte Oberfläche ist, die zum Eingreifen auffordert, ein Laboratorium, wo entgegengesetzte Kräfte sich wechselseitig die Leitung der Experimente zu entreißen suchen. (S.27)

Ohne den Schauer des Numinosen fehlt der Gesellschaft der Lebenswille...Es ist, als hätte die Einbildungskraft, nach Jahrtausenden, auf ihre Fähigkeit verzichtet, über die Gesellschaft hinauszublicken und etwas zu suchen, was innerhalb der Gesellschaft Bedeutung verleiht. (S.24)

Calasso identifiziert das säkulare Denken als Ergebnis eines Entleerungsprozesses:  Der Säkularismus definiert sich negativ, indem er das Göttliche, das Heilige, die Götter oder den einen Gott ignoriert und aus sich ausschließt. Ist all dies erst einmal beseitigt, hat der Säkularismus Platz für alles.

Was ist schon Identität, wenn nicht eine flüchtige Erscheinung? Calasso erzählt davon, wie Identität sich allmählich heraushebt aus dem großen Fluss der Formen. Es gab eine Epoche, in der man, wenn verschiedene Lebewesen aufeinandertrafen, nicht genau wusste, ob es sich um Tiere oder Götter, Dämonen oder Ahnen handelte. Oder einfach um Menschen. Eines Tages, der viele tausend Jahre dauerte, machte Homo etwas, das noch keiner versucht hatte: Er begann die Tiere nachzuahmen, die ihn jagten, die Raubtiere. Er wurde zum Jäger. Es war ein langer und schwieriger Prozess, der Spuren und Narben in Riten und Mythen und im Verhalten hinterließ.

Zahlreiche Kulturen, räumlich und zeitlich weit voneinander entfernt, brachten einige dieser dramatischen, erotischen Geschehnisse in Verbindung mit der Himmelsregion zwischen Sirius und Orion: dem Ort des Himmlischen Jägers. Dessen Geschichten, in dieses Buch hineingeflochten, greifen in viele Richtungen aus, reichen vom Paläolithikum über Ägypten und das alte Griechenland bis zur Turingmaschine. Sie erkunden die verborgenen Verbindungen innerhalb dieses einen, nicht einzugrenzenden Territoriums, das der Geist ist. (Klappentext Der himmlische Jäger 2020)

Es gab eine Zeit, so erzählt Calasso, wie es ein Schamane nacherzählte, in der die Toten und die Wölfe eins waren. Nur noch Mensch und nur noch Wolf zu sein, ist ein Unglück. Die Wölfe, die einst Menschen waren, sind verzweifelt und laufen allein in den Wäldern herum auf der Suche nach Menschen. Die Menschen aber, die Wölfe sein wollen, setzen sich Masken auf, um wenigstens auszusehen wie Wölfe.

Das Buch der Bücher: Neunhundertvierundsiebzig Generationen bevor die Welt geschaffen wurde, gab es die Torah. Sie wurde mit schwarzem Feuer auf weißes Feuer geschrieben, erzählt Calasso in „Das Buch der Bücher“ (2020).
Es gibt zwei Arten, sie zu lesen. Man kann sie Wort für Wort lesen oder aber als Kontinuum.

Roberto Calassos Nacherzählungen von den Gemetzeln, in denen Götter Götter besiegen, von Heldenliedern, die das Abschlachten ganzer Völker feiern, sind immer beides. Sie nähren den Schrecken und sie helfen, ihn zu überleben.

Calasso zitiert den indischen Herrscher Ashoka, der im zweiten vorchristlichen Jahrhundert in Felswände einmeißeln ließ: Er habe mit seinen Eroberungen Massaker und große Verbrechen begangen. Er werde das nicht mehr tun. In Zukunft werde er dem Dharma folgen, also der Güte, der Großzügigkeit, der Wahrheit und der Reinheit. Er werde das Gute fördern und milde sein. Dieser zweite Ashoka war das Ergebnis des ersten und niemand weiß, wie der dritte Ashoka gewesen wäre.

„Schicksalstafel“ heißt ein Buch, das Calasso 2020 veröffentlichte. Es erzählt von der babylonischen Sintflut, von Sindbad dem Seefahrer, und es endet – ein wenig verkürzt – so: „Alle Götter, die Du antreffen wirst, überall auf der Welt, wurden alle aus derselben Substanz geschaffen. Ein einziger, riesiger leuchtender, rotierender Strang, von dem immerfort Stränge sich lösen, die wiederum kleine leuchtende Stränge hinter sich lassen. Das ist das Leben der Götter – sagte Utnapishtim... .“ – „Ich bin schon seit so vielen Jahren hier und kenne die Antworten nicht. Ich habe mir abgewöhnt, nach Antworten zu fragen. Ea hat mir keine Weisheit gegeben, dafür aber das ewige Leben. Die Weisen, die ab und zu bei mir vorbeikommen, haben sie Antworten? Ich bezweifle das. Vielleicht denken sie, die Welt ist nicht geschaffen, um Antworten zu geben.“ Utnapishtim zu Sindbad: „Ich weiß, dass Du abreisen wirst. So hast Du es immer gemacht. Auch ich werde tun, was ich immer getan habe: am Leben bleiben.“

 

Zurück zu einem Anfang, der im Dunkeln liegt, und aus dem das menschliche Bewusstsein hervorging. Die Veden zeigen das Bild einer Welt, die nur aus dem Religiösen besteht. Für die vedischen Ritualisten durchdringt das Religiöse jede Handlung. Warum aber sollte die ganze Welt eine Opferwerkstatt sein? Einfach weil sie – in all ihren Teilen – auf einem Austausch von Energien beruht: von außen nach innen und von innen nach außen. Das ist es, was mit jedem Atemzug geschieht. (Die Glut, S. 16)

Marken und Mythen: Die gegenwärtige Welt, eben das unnennbare, weil säkularisierte „Heute“ ist übersät mit Marken, deren Ehrgeiz es ist, Mythen zu werden.  (Das unnennbare Heute)
Eine weitere Alliteration: Dada und Data. Big Data.
In genau einem Jahrhundert ist man vom Dadaismus zum Dataismus, vom Dada zu Big Data gelangt. Und manch einer behauptet,dass Big Data Sapiens verdrängen und wie einen Zwei im majestätischen Strom der Informatik hinwegschwemmen wird. Dann werden wir fast alles wissen, an dessen Kenntnis uns nichts liegt. Während weitere Algorithmen sicher davon profitieren werden. Der höchste Wert dieser neuen Religion ist der Informationsfluss.

An diesem Punkt wird sich Homo saecularis mit seinen edlen humanistischen Werten obsolet vorkommen wie eine Begine aus alten Zeiten.
Es folgt ein Exkurs, Harari folgend, über den Humanismus in Zeiten des Dataismus: Die Humanisten dachten, dass die Erfahrungen in uns stattfinden, dass die Bedeutung all dessen, was geschieht, in uns selbst liegt und dass wir mit ihr dem Universum Bedeutung einflößen. Die Dataisten glauben, dass die Erfahrungen wertlos sind, wenn sie nicht geteilt werden, und dass es unnötig – ja unmöglich – ist, in uns selbst Bedeutung zu finden. Wir müssen unsere Erfahrungen nur aufzeichnen und mit dem großen Datenstrom verbinden, dann werden die Algorithmen ihre Bedeutung entdecken und uns sagen, was zu tun ist. (Harari, Homo Deus, zitiert in Das unnennbare Heute S. 95)

Von diesem Endpunkt aus rückwärts gelesen lässt sich das Buch über das unnennbare Heute wie eine Einleitung zu dem nächsten Kapitel der Bewusstseinsgeschichte lesen. Welches Buch wird folgen, wenn überhaupt?

Wenn die Intelligenz von Algorithmen absorbiert wurde, die kein Bewusstsein besitzen, aber effektiver funktionieren als der Geist – kurze Beschreibung der informatischen Revolution -  dann kann man sich leicht vorstellen, dass als nächster Schritt dem Bewusstsein etwas Ähnliches widerfährt. (Harari zitiert bei Calasso) Calasso jedoch setzt auf das Bewusstsein: Dennoch sind wir überzeugt, dass das Bewusstsein eine Entität ist, die sich bei der gesamten Menschheit findet...Das Bewusstsein ist die unsichtbare Schranke, an der die Information abprallt…

Touristen, Terroristen: allgegenwärtige Kategorien des Interesses…Der Tourist will es vor allem bequem haben und sich gegen das wappnen, was an dem fremden Ort, den er besucht, auf ihn eindringt...Die Kolonialreiche sind verschwunden, geblieben aber ist ein tiefes Gefühl der Fremdheit, auch Feindschaft, dem gegenüber, was eine Anziehungskraft ausübt...Die Klammer, die Touristen und Terroristen verbindet, ist im Säkularismus zu finden: der Hauptfeind des islamischen Terrorismus ist die säkulare Welt, vorzüglich in den Formen ihres Gemeinschaftslebens: Tourismus, Veranstaltungen, Ämter, Museen, Gaststätten, große Warenhäuser, Verkehrsmittel. In diesen Fällen besteht der Ertrag des Opfers nicht nur in einer Vielzahl von Toten, sondern ihm wird eine größere Resonanz zuteil...Die Grundlage des Terrors ist die Idee, dass nur der Tötung eine sichere Bedeutung zugesprochen wird.

Der Inkonsistenz der zersplitterten Welt des unnennbaren Heute steht sowohl das Bedürfnis als auch das Streben nach Bedeutung entgegen, die durch die rituellen Tötung im Selbstmordattentat erreicht wird: Alles Übrige erscheint labil, ungewiss, unzureichend. Mit diesem Fundament verbinden sich dann die verschiedenen Motivationen, die dazu dienen, sich zur Tat zu bekennen. Und mit diesem Fundament ist auch, auf eine obskure, nur metaphysisch zu begründende Weise, das Blutopfer verknüpft. Als ob sich, von Epoche zu Epoche und an den verschiedensten Orten, ein ununterdrückbares Bedürfnis nach Tötung geltend machte, selbst wenn sie unbegründet und unsinnig scheinen. Gerade dann, ist der Leser geneigt zu sich selbst zu sagen, gerade dann, wenn sie unbegründet und unsinnig scheinen.

So schließt sich der Kreis und der Text macht Sinn. Trotz aller Inkonsistenzen und Sprünge, gerade dann!