KAY HOFFMAN
Interview Sommer 2021 für Ö1
Tanz Trance Ekstase

 

    Folgende Fragen wurden gestellt:

 

1.  Wie sind Sie zum Tanz gekommen, was hat Sie inspiriert?
Kindheitserinnerung: Vor dem Zubettgehen auf dem Bett herumspringen bis zum Geht-nicht-mehr, Toben. Jemand erfüllte mir meinen sehnlichsten Wunsch und schenkte mir rote Stiefel, wie sie Marika Röck zum Csardas trägt, ab da war das Toben Tanzen und endete in Erschöpfung und Tränen. Jeden Abend dasselbe, irgendwann hörte es auf.

Rhythmische Wiederholung bis zum Exzess. Das Exzessive. Das Fremdartige, „Wilde“ der Volkstänze. Die roten Stiefelchen, die machten den Unterschied aus. Dazu passte das Märchen von Andersen, in dem die roten Schuhe zum Inbegriff einer sündigen Motorik des Eigenwillens werden, schließlich muss der Henker die Füße abhacken, um die Seele zu retten. Ich weiß nicht, ob man das Inspiration nennen kann, aber das Exzessive, das Exzentrische, Ekstatische in diesem Sinne faszinierte mich von Anfang an, noch lange bevor ich die Begriffe kannte.

Als Kind wollte ich mehr darüber wissen, mehr erfahren, es selbst erleben: woher kommen die Tics, die ich bei Menschen beobachtete und nachmachte, so wie ich am liebsten das Hinken und Humpeln nachmachte – nicht aus bösem Willen, sondern aus Neugier. Das Unwillkürliche faszinierte mich. Das war das Gegenteil von dem, was unter Tanz verstanden wurden: Ballettstunden und später Tanzstunden wurden zur Quelle der Frustration und Enttäuschung. Sehr viel später lernte ich endlich Tänze kennen, in denen sich das Göttliche zeigte: es gab Götter, die stolperten, zu Boden gingen, sich wieder aufrafften, wieder zusammenbrachen, ja, das waren die Götter, nach denen ich gesucht hatte. Ich fand sie in Brasilien, in den Mythen und Kulttänzen der Religionen, die aus Westafrika kamen. Ich erforschte Haltungen und Bewegungen als archetypische Ausdrucksgestalten und unterrichtete diese jahrelang. Ich nannte es Trancetanz als energetische Erfahrung.
Dazu meine Veröffentlichung Von Göttern besessen (1986), in dem ethnologisch ausgerichteten Trickster Verlag, der leider nicht mehr existiert. Es gibt einen Nachdruck unter dem Titel Von Göttern beseelt.

2.  Was ist der Unterschied zwischen Trance und Ekstase? Welche Ansätze gibt es?
Für mich ist es so: Die Trance legt das Fundament für die Ekstase als Höhepunkt. Sie ist wie ein mentales warm-up, wirkt als tiefe Entspannung, hilft zu defokussieren, es ist ein diszipiniertes Sich-gehen-lassen, ein Sich-Einlassen auf eine Stimmung und Schwingung, es wird dabei im Tanz eine Kontinuität aufgebaut, in der Gruppe entsteht eine gemeinsame Energie, eine Gruppenenergie, ein Energiefeld.
Ein Trancetanz-Modell: Indigene Gruppen synchronisieren sich im Tanz, (Kreistanz), der Einzelne tritt in den Kreis, beginnt in der Mitte zu drehen – Übergang zur Ekstase.

3.  Welche Ebenen von Trance im Tanz gibt es?
Modell des ekstatischen Tanzes: Im Whirling (Tanz der Derwische im Sufismus) wirken zentrifugale und zentripetale Kräfte, sie errichten in der Mitte eine Achse, die durch den Körper des Menschen geht und ihn aufrichtet. In dieser Vertikalität geschieht eine Öffnung nach oben.  In der Trance wird eher eine Horizontale erlebt, die Weite und Ausdehnung vermittelt.
Es gibt leichte und tiefe Trancen, kontrolliert induziert oder spontan auftretend, überwältigend.
Bei der kontrolliert induzierten Trance kommt es auf die Funktion, den angestrebten Zweck an, der angesteuert wird: soll Beruhigung eintreten, oder Steigerung? Beruhigende Bewegungen (ruhiges Schwingen und Schaukeln) oder antreibende Bewegungen (Dynamik: Aufschaukeln, Aufheizen) werden unterstützt durch entsprechende Musik. Militärmusik, Trommeln… Samba Batucada, Karnevalszüge…sie regen an.
Als ergotrop werden Reaktionen bezeichnet, die auf den 
Sympathikus wirken und den Erregungszustand des vegetativen Nervensystems beeinflussen. Eine ergotrope Reaktion dient also der Leistungssteigerung. Beruhigende Musik ist oft ohne Rhythmus.
Ebenen sind (im Kulttanz) bestimmt durch die Archetypen = die Urbilder/Inbilder, die im Tanz inkorporiert werden. Sie bestimmen den Trance-Zustand und die Ebene, auf der die Trance verläuft. Die Bewegungspädagogin und Theoretikerin Dorothee Günther (Tanz als Bewegungsphänomen 1965) unterscheidet zwischen bildloser oder inbildhafter Ekstase. Es wird auch unterschieden zwischen wilder Trance oder Trance im Rahmen eines Kults.

4.  Wodurch entsteht beim Tanz Trance/Ekstase, wie kann man durch den Tanz in Trance kommen? Gibt es verschiedene Stufen, wie sich die Trance im Tanz aufbaut?
Wie gesagt (siehe Felicitas Goodman): Trance kann umschlagen in Ekstase. Aber es gibt keine Garantie dafür, dass eine Steigerung eintritt und diese Steigerung umschlägt in Ekstase – also in einen Zustand, in dem man zum Beispiel eine Vision hat. Bei Goodman wurde das angestrebt, aber da wurde die Trance nicht durch Bewegung induziert, sondern durch das Einnehmen einer bestimmten Haltung kombiniert mit monotonem Rasseln (15 Minuten waren festgelegt).
Manchmal funktionierte es, manchmal nicht – je mehr man es erwartete, desto weniger kam es dazu (meine ich).

 

5.  Warum ist der Tanz ein geeignetes Mittel, um in Trance/Ekstase zu kommen?
Tanz ist ein Bewegungsphänomen (Dorothee Günther), und Bewegung regt das Gehirn an, durch Anregung kommt es zu einer Dynamik, die eine eingefahrene Statik/Stabilität ablösen kann. Das ist die Grundlage für Veränderungsprozesse und Transformation. Das Gleichgewicht wird herausgefordert sich neu einzustellen (Drehtänze). Hinderlich ist die Absicht, in Trance/Ekstase kommen zu wollen – förderlich ist das Verständnis, dass Trance/Ekstase als Bewusstseinszustände natürliche Fähigkeiten sind, die entwickelt und verfeinert werden, wenn der Kontext danach verlangt. Wir alle sind Ekstatiker.
Der Tanz kann auch als innerer Tanz erlebt und durchlebt werden – äußere Bewegung ist nur zum Teil dafür verantwortlich, dass etwas in Bewegung kommt. Die Vorstellungskraft kann genutzt werden, innere Bilder in uns wachzurufen, die unsere innere Entwicklung als Bewusstseinserweiterung anregt. 

6.  Sie sind sehr viel gereist, haben mit Felicitas Goodman zusammengearbeitet. Wie wird Trance/Ekstase und Bewegung in anderen Kulturen praktiziert? Welche Rolle nimmt Trance und Tanz in anderen Kulturen ein? Welche Kulturen haben Sie in Zusammenhang mit Ekstase am meisten fasziniert?

1980 kam ich von einem langen Aufenthalt in Italien zurück, dort hatte ich im Rahmen der Anti-Psychiatrie eine Möglichkeit gefunden, Gruppen anzuleiten und Tanz zu unterrichten. Sprache war da nicht so wichtig. Ich lernte, auf die Reaktionen der TeilnehmerInnen zu achten und die Energie in der Gruppe wahrzunehmen. Ich war mit meiner Arbeit eingebunden in ein Kolleg von Therapeuten und Psychiatern, mit denen ich mich austauschte. So konnte ich mir ein praktisches Wissen aneignen, das mir, als ich nach München zurückkehrte, in die tanztherapeutische Szene einzusteigen. Alles war damals noch im Entstehen, es gab keine Gesetze und Regelungen, Ausbildungen waren damals erst im Entstehen. Auch ich dachte mir ein Modell aus und bot es an einem therapeutischen Zentrum (im Coloman München, 1987 – 1992) an.

1980 arbeitete ich als Gymnastiklehrerin an einem Tanz-Institut in München, hatte schon einige Kurse von Primitive Dance (Ethno Dance, ich nannte es in Anlehnung an die Primal Therapy Primal Dance = Urtanz) und Afrojazz besucht, da stieß ich zufällig 1982 auf das Angebot des afroamerikanischen Modern Dance Tanzlehrers Clyde Morgan: afro-brasilianische Kulttänze im Keller des Olympiastadiums. Das war die Wende. Gleich nach den ersten Schritten (wir tanzten unserem Lehrer nach) entstanden in mir Bilder und Geschichten, die durch die Art der Bewegung ausgelöst wurden. Ich reiste im Sommer 1984 nach Brasilien, um mehr darüber zu erfahren, sammelte Mythen zu den OrishA, war von der Psychologie fasziniert: Gottheiten, in denen Gut und Böse ganz nahe beieinander wohnten, jede und jeder hatte einen eigenen „Teufel“ (Exu), eine Art Trickster…Ich unterrichtete diese Tänze jahrelang, d.h. ich stellte einen Rahmen, ein Setting zur Verfügung, in dem diese Selbsterfahrung möglich war. 

 

7.  Wie wichtig ist der Rahmen? Was ist der Unterschied, ob ich ekstatischen Tanz bei einem Konzert oder in einer geschlossenen Gruppe praktiziere?
Je mehr das Setting die höchstmögliche Energie erlaubt und damit das Energiefeld bestimmt, desto mehr führt der Tanz zu einer spirituellen, von geistigen Inbildern getragenen Ekstase, und das ekstatische Erleben zu einer Ekstase-Erfahrung, die (als Initiation und Transformation) das ganze Leben verändern und sogar in einen Bereich der Mystik führen kann, also in einen spirituellen/ religiösen Bereich. Ich hatte immer wieder TheologInnen in meinen Gruppen, einige Nonnen (eine davon wurde Äbtissin) und mehrere Priester.

 

Wie sieht Trance-Tanz aus?
Im Gegensatz zum „normalen“ Tanz kann es im Trancetanz zu unwillkürlichen Bewegungen kommen, heftiges Zittern, Zuckungen, Verrenkungen, Schaum vorm Mund, verdrehte Augen, aber das kenne ich selbst nur aus ethnographischen Filmen. Bis auf eine Ausnahme – da habe ich dann die Symptome aus den Filmen wiedererkannt. Es war ein junges Mädchen, die plötzlich zu Boden ging und da lag. Die Gruppe bildete einen Kreis, nannte sie beim Namen, und bald war sie „wieder die Alte“, konnte sich aber an nichts erinnern… Es war mir wichtig, dieses Verhalten nicht als „Ziel“ der Trance zu markieren und somit zu „belohnen“ und dadurch zur Wiederholung aufzufordern…es ist vielleicht eine Art auszuagieren, aber nicht das Ziel weder von Trance noch von Ekstase…Doch als künstlerischer Ausdruck wird er z.B. im Ausdruckstanz zum Thema. (Siehe Harald Kreuzberg im Film
Paracelsus 1943). Auf Youtube sieht man einen Ausschnitt:  Fliegenbein's "Dance of Death" Totentanz) Die willenlose Masse.
https://www.youtube.com/watch?v=7wb5NAXK8hk:
Diese Art von Fremdbestimmung im Tanz wird auch in der Popkultur gefeiert, siehe Robot-Dance, Zombie-Dance etc. Ich habe ein Buch über diese Ich-Zustände und ihren Ausdruck im Tanz geschrieben.
Kay Hoffman Das tanzende Ich: www.kayhoffman.de/tanzendes ich web.pdf · PDF Datei 2018  Das tanzende Ich: Ich-Zustände + Tanzgestalten zu Fragen der Identität, Präsenz und Performanz Taschenbuch – 30. April 2012.

8.  Muss man Ekstase lernen? Oder kann man sofort, beim ersten Mal, in Trance kommen?
Der Körper, das Gehirn „lernt“ Ekstase, so wie es auch andere ASC (altered states of consciousness = außergewöhnliche Zustände) „lernt“, wenn der soziale, kulturelle, religiöse Kontext es nicht nur erlaubt sondern herausfordert und als Fähigkeit anerkennt. Geht man in einen solchen Kontext (z.B. als Tourist), kann es schon vorkommen, dass man in die ortseigene Trance /Ekstase gerät. Allerdings ist die Wiedereingliederung in die eigene westliche Kultur, die Ekstase ablehnt und pathologisiert schwierig, ich habe RückkehrerInnen aus Afrika, Brasilien kennen gelernt und konnte sie manchmal beraten. Der Wiedereintritt wird oft als herber Verlust einer wichtigen Dimension erlebt.

 

9.  Wie viel Anleitung benötigt es? Setzen Sie bei der Induktion auch Elemente der Hypnotherapie ein?
In der Hypnotherapie wird ein Rahmen, ein Kontext gesetzt (Setting), der eine bestimmte Trance erlaubt und damit induziert: Die Erlaubnis ist der Schlüssel, den die hypnotherapeutische Induktion benutzt. Es ist keine wilde Trance, sondern ein bewusstes aber entspanntes Sich-Einlassen auf das eigene Unbewusste. Da wir in einer Kultur leben, die das Unbewusste weitgehend als Hort dämonischer Kräfte sieht (im Gegensatz zu Milton Erickson, der von der Weisheit des Unbewussten spricht) gerät Hypnotherapie immer wieder ins Visier von kontrollierenden Instanzen und in den Verdacht der Manipulation etc.  Doch je mehr ich mich selbst in Kontakt mit dem (kollektiven/ individuellen) Unbewussten erfahren habe, desto mehr verstehe ich, um was es geht und bin davor geschützt, „verführt“ zu werden. Jede Stimulation und Simulation kann nicht nur zur Führung beitragen sondern zur Verführung werden. Es gilt, die Instanz des unterscheidenden Bewusstseins auszubilden. (Siehe Die Scheidung der Geister bei Paulus und die Schulung der Entscheidungsfähigkeit bei Ignatius von Loyola)

 

10.                  Was kann Trance-Tanz auslösen? Was macht es mit einem? Was kann dabei passieren? Kann es auch zu negativen Erlebnissen kommen?
Trance-Tanz schafft eine Verbindung zum Unbewussten. Je nachdem, wie dieses als Speichermedium durch seine Inhalte bestimmt ist, wird es sich durch Trance ausdrücken. Dabei sind mehrere, zum Teil sich widersprechende Ausdrucksgestalten möglich.
Was als „negativ“ bewertet wird, kommt auf den kulturellen Kontext und seine Werte an. In einer Zeit des Werteverlusts/ Wertewandels mag Trance, ausgelöst durch Trance-Tanz, eine schwere Krise einleiten. Man findet nicht mehr in das eigene kulturelle System hinein, man empfindet sich als fremd. Die kulturelle Wirklichkeit wird als fremd, als unwirklich empfunden. Umgekehrt kann dieser Entfremdungszustand spontan auftreten, vor allem bei Jugendlichen, und da bietet dann Trancetanz eine Möglichkeit an, durch Trance zu einer tieferen oder höheren Wirklichkeit vorzustoßen. Meditation und Trance schließen einander nicht aus – im Yoga sind Trancezustände bekannt und benannt, doch sie alle sollten letztlich zum Ziel führen, in Kontakt mit der eigenen Göttlichkeit zu kommen. Wie Sri Aurobindo sagt: Alles Leben ist Yoga.

Eine Form von Trance, die in die Literatur eingegangen ist, ist der Zustand der Entfremdung (nicht der Entfremdung, die Marx meint, sondern die Entfremdung, die im Zusammenhang mit dem Existentialismus der Nachkriegsjahre (Albert Camus, Jean Paul Sartre) als Zustand beschrieben wurde. Die Welt wird einem fremd. Nichts ist selbstverständlich, alles neu, ungewohnt. Man könnte sogar behaupten, um gute Gedichte zu schreiben, braucht es diese Zustände extremer Distanz, als wäre man verrückt. Meistens kommt ein gesundes Ich mit diesen Ausnahmezuständen zurecht, indem es durch Selbstregulation wieder zurück findet zum „Alltag“, oft bereichert durch diese Erfahrung. Allerdings kann eine Kombination mit Drogen/ zusätzlich zu einem brüchigen Realitäts-oder-Ichbewusstsein dazu führen, dass die innere Aufgelöstheit/Zerrissenheit bleibt. In meinen Gruppen habe Trance-Sessions immer mit Meditationen kombiniert, auch mit Erdung, Achtsamkeitstraining…

 

11.                  Was bedeutet Transformation im Kontext Trance-Tanz?
Auch hier ist der kulturelle Kontext entscheidend. Im schamanischen Kontext (den wir hier nicht kennen und auch nicht praktizieren, weil es die entsprechende Kultur dazu nicht gibt) kann die Identifikation mit einem Gott, Geist oder einem Totem-Tier/Kraft-Tier zu einer zeitweiligen Transformation führen: die Gruppe /Gemeinde kann dann oft diese Transformation „sehen“, weil alle Beteiligten durch eine participation mystique eingeklinkt sind in die Trance, die die (im Rahmen des Kults erwartete) Transformation bewirkt. In den sogenannten Besessenheitskulten – wir sollten respektvollerweise lieber von religiösen Kulten sprechen, wobei unser religiöses Verständnis davon abweicht, weil unser Gott der Hochreligionen nicht besessen macht (naja…das nicht, aber vielleicht fanatisch) – vollzieht sich eine solche Transformation, und ich durfte sie in Brasilien in einem afrobrasilianischen Kult erleben. 

 

12.                  Sie haben ein Buch geschrieben über Trancetanz für Frauen. Gibt es bei Trancetanz Unterschiede nach Geschlecht? Inwiefern?
Ah, Sie meinen Die Reise der Heldinnen? Das war ursprünglich ein Tanztheater – Projekt, in dem 4 Stadien innerhalb eines Bewusstseinsprozesses (und/oder innerhalb der kollektiven Bewusstseinsgeschichte) dargestellt werden, wobei es sich um 4 Ausdruckgestalten aus der Mythologie und Literatur handelt. Es beginnt mit Ophelia, die nicht ertrinkt, sondern sich auf eine Reise ins eigene Unbewusste macht. Sie wandelt sich zur sumerischen Göttin Inanna, die wiederum sich aufmacht um die Unterwelt zu erkunden und aus dem Totenreich wiederzukehren. Als tibetisch-buddhistische Dakini tanzt sie den Tanz ihres Sieges über den Dämon der Unwissenheit. Als Yoruba-Gottheit der Schönheit, Oshun, feiert sie das Leben in seiner Fülle. Monika Schabus hat daraus eine Performance gemacht, die Musik dazu entstand in Zusammenarbeit mit Guido Hieronymus. Nun, Zeiten von Corona, wo das Reisen aufwendig geworden ist und die elektronischen Helfer es ermöglichen, sich in kulturellen Netzwerken zu treffen und zusammenzuarbeiten, plane ich eine virtuelle Weltkonferenz der Heldinnen…

 

 

 

13.                  Sie haben sich auch mit NLP und dem radikalen Konstruktivismus beschäftigt – gibt es da Querverbindungen zu ihrer Arbeit mit Tanz?
Ja, auch das ist eine Spur, die ich wieder aufnehmen werde. Bewegungsforschung (Training), Bewusstseinsforschung (Zustände) und Gehirnforschung (neuronale Prozesse) hängen miteinander zusammen. Vor allem die Erkenntnis, dass die Neuroplastizität unseres Gehirns immer wieder neue Vernetzungen schafft und damit zu einer Erweiterung des Bewusstseins führen kann, das wird in Zukunft immer wichtiger im Zusammenhang mit einem (globalen) Gesundheitswesen werden. Letztlich sind das alles wegweisende Praktiken, die zu einer (global eingestimmten) Lebenskunst gehören.

 

14.                  Sie praktizieren auch Tanztherapie, setzen dabei auch Trance ein. Bei welchen Problemen bietet sich Tanztherapie an? Wie kommt es zur Heilung?
„Heilung“ ist ein Versprechen, das ich nie geben würde. Aber es gibt ein Phänomen, das ich immer wieder beobachtet habe: Nach dem Drehen der Einzelperson in der Mitte eines Gruppenkreises kommt es zu einem Zustand von Überwachheit, der allerdings nur kurz anhält. Vor allem die Augen können wieder völlig klarsehen, Kurzsichtigkeit verschwindet…aber dann stellt sie sich wieder ein. Man kann es geradezu beobachten, wie die Gewohnheiten/gewohnten Programme wieder greifen und sich der alte Zustand der Normalität einstellt.  Und ich selbst habe „Heilung“ als Zustand erfahren: es fühlte sich wie „Befreiung“ an. Aber versprechen kann ich nichts.

Tanztherapie kann helfen, abgespaltene Teile der Persönlichkeit wieder zu integrieren, und die Energie, die durch Integration frei wird, neu zu investieren. Doch jede Energie kann zum Guten wie zum Bösen eingesetzt werden.
Und Vorsicht: der Zustand der Abspaltung darf nicht zu extrem fortgeschritten sein! Dasselbe gilt für Teile, die aufgrund einer Traumatisierung abgespalten wurden. Es kann leicht zu einer Retraumatisierung kommen. Ich selbst bin keine ausgebildete Psychologin und damit auch keine gesetzlich anerkannte Therapeutin.  Allerdings habe ich meine ersten Erfahrungen als Bewegungslehrerin im Rahmen der italienischen Anti-Psychiatrie gemacht – und diese Erfahrungen begleiten mich noch heute, denn sie lehrten mich, dass die Buddhisten recht haben, wenn sie von einer Buddha-Natur des Menschen ausgehen.. Es gilt sie anzusprechen, wenn der richtige Moment kommt.